Apfelbaum per Veredelung vermehren - Teil 1

vom 20. Aug. 2009
Fachmann John-Hermann Cordes zeigt die Technik der Okulation im Sommer
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TEXT UND INFO ZUM FILM

Drehort:
Hermann Cordes Obstbaumschulen in Holm, Schleswig-Holstein
Länge:
6 Min.
Filmkatalog:Praxis
Moderator:
Marc Albano

Gerade alte Apfelsorten zeichnen sich oft durch gute Gesundheit, besonderen Geschmack und andere vorteilhafte Eigenschaften aus, die das moderne Apfelprogramm in der gewünschten Kombination nicht bietet.

Um die alten Sorten für die Zukunft zu bewahren, hat die Baumschule Hermann Cordes aus Holm bei Pinneberg eine Sammlung von bereits etwa 600 verschiedenen Apfelbäumen zusammengetragen. Diese Sammlung ist Teil einer "Deutschen Genbank Obst" geworden.

Dabei geht John-Hermann Cordes so vor, daß er bei jeder neuen, irgendwo in Deutschland gefundenen Sorte sich ein Reis vom Baum schneidet und daraus über die Technik der Augen-Veredelung bzw. Okulation einen neuen Baum für die eigene Sammlung zieht.

Die Okulation ist nicht schwer und kann von jedem Gartenfreund auch selber betrieben werden. Man braucht nur eins: Zeit und Geduld. Denn es kann 2 - 6 Jahre dauern, bis man erste Äpfel erntet (je nach gewählter Art von Unterlage). Aber die Geduld lohnt: jeder Gartenfreund weiß, daß es nichts befriedigenderes gibt, als selbst gezogene Pflanzen, die sich dann irgendwann dankbar erweisen.

Für das Veredeln braucht man als erstes eine sogenannte Unterlage. Das ist ein junger Apfelbaum (2-jährig), dessen Wert vor allem in seinen guten Wuchseigenschaften liegt. Er liefert für den künftigen, gewünschten Baum die Wurzelkomponente, nicht die Äpfel. Die Äpfel kommen von der anderen Komponente, unserer Wunschsorte. Von ihr wird nur ein sogenanntes Auge geschnitten und auf die Unterlage aufgesetzt, mittels einer Veredelung.

Aus dieser Verbindung geht dann der neue Baum hervor. Er vereint die guten Wuchseigenschaften der Unterlage mit den guten Fruchteigenschaften der Wunschsorte.

Unterlagen kann man kaufen oder selber ziehen. Sie unterscheiden sich vor allem in ihrer Wüchsigkeit. Die erste Kategorie sind die sogenannten Sämlinge. Das sind Apfel-Wildarten, die direkt aus einem Samen gezogen werden. Das kann jeder Gartenfreund auch selber machen. (Gut am Baum ausgereiften Apfel nehmen, 1 Monat liegen lassen, dann viele Kerne davon aussäen, später nur die kräftigsten weiterkultivieren. Als Unterlage sind diese Sämlinge dann im zweiten Jahr zu gebrauchen).

Einen Sämling wählt man als Unterlage dann, wenn man sich einen starkwachsenden Apfelbaum ziehen möchte. Dieser würde als sogenannter Halbstamm oder Hochstamm im Garten wachsen (= freier Stamm irgendwo zwischen 60 cm und 180 cm Länge - man kann das selber bestimmen). Ein Hochstamm auf Sämlingsunterlage braucht viel Platz (8-10 Meter Kronendurchmesser!), hat aber den Vorteil, daß darunter genügend Licht fällt, damit dort auch Rasen wachsen kann. Man kann unter einen Hochstamm Gartenmöbel stellen oder eine Schaukel an einen waagerecht wachsenden Ast binden.

Der Halb- oder Hochstamm auf Sämling hat weitere Vorzüge: Er braucht nicht sein ganzes Leben lang einen Stützpfahl (praktisch alle anderen Unterlagen brauchen das - siehe unten!), er ist langlebig (bis zu 100 Jahre), er ist gut frosthart und virusfrei, er sorgt für üppigen Fruchtbehang und er stellt geringe Ansprüche an die Bodenqualität.

Ein kleiner Nachteil steht dem allen entgegen: Auf einer Sämlingsunterlage kann man Früchte erst ab dem 5. bis 8. Jahr nach der Veredelung erwarten! Da ist Geduld vonnöten. Und, wie gesagt, man braucht auch Platz! Man rechne 80 - 100 qm für einen Hochstamm.

Alternativ zur Sämlingsunterlage gibt es viele weitere Typen von Unterlagen. Diese würde man dann aber nicht selber ziehen, sondern sich kaufen. Es gibt mittelstark wachsende, schwach wachsende und sehr schwach wachsende. Entsprechend kleiner fallen die Bäume am Ende aus, sind dadurch auch für kleinere Gärten geeignet.

Einen guten Überblick über die vielen Arten von Unterlagen findet man auf den Seiten der LWG Bayern: www.lwg.bayern.de. (Dort weiter in "Freizeitgarten" und "Infoschriften").

Die Unterlagen haben leider ziemlich nichtssagende und verwirrende Bezeichnungen, z.B. M4, M7, MM 106 (mittelstark wachsende Unterlagen, ca. 4m hohe Bäume), M9, M26, M27 (schwachwachsend, Busch oder Spindelbusch oder Spalier) oder M27 (sehr schwach wachsend, auch für Topfkultur). Alle haben ihre eigenen Vorzüge und Nachteile (z.B. auch mit Blick auf benötigte Bodenqualitäten, Düngung, Bewässerung). Da sollte man sich bei einer möglichen Bezugsquelle für Unterlagen vorher informieren.

Man beachte vor allem dieses: Apfelbäume auf kleineren Unterlagen brauchen das ganze Baumleben lang einen Stützpfahl! Die Lebenszeit ist auch insgesamt kürzer, zum Beispiel bei einer schwachwachsenden Unterlage, dem sogenannten Busch oder Spindelbusch, nur 15 - 20 Jahre. Dafür wiederum legt diese Unterlage viel früher los mit den ersten Früchten! Man erntet hier schon im 2. bis 3. Jahr nach der Veredelung.

Also, wenn man schnell ernten will, sollte man eine schwächerwüchsige Unterlage wählen (so machen es deshalb auch die professionellen Apfelhersteller). Sämlinge hingegen brauchen, wie oben gesagt, Geduld. Dafür haben sie dann ein langes Leben.

Hat man sich also eine Unterlage besorgt, ist man startklar für die Veredelung. (Halt! Natürlich nicht nur eine Unterlage besorgen, sondern immer gleich mehrere. Denn es gibt mit Sicherheit Ausfälle - das ist ganz normal, gerade wenn man es als Anfänger versucht. Einige Augen bzw. Veredelungsstellen werden nicht anwachsen. Dann sollte man immer einige Reservebäume haben).

Also, wenn man sich eine Reihe von Unterlagen besorgt hat, setzt man sie im Garten einfach nebeneinander im Abstand von 60 cm und wartet bis zum Juli oder August. Dann ist die richtige Zeit zum veredeln.

Zur Technik der Veredelung siehe den Begleittext zum zweiten Filmteil.

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